29. August 2026 – Mana Pools National Park, Simbabwe
Dieser Vormittag im Mana Pools National Park war kühl und die Tiere hielten sich noch weitgehend im Wald auf. Unser Guide entschied sich deshalb für einen Bushwalk. Er lud sein Gewehr mit fünf Patronen, steckte Reservemunition an den Gürtel und wir liessen das Auto zurück. Zu dritt wanderten wir tief in den wunderschönen Wald hinein.
Schon bald sahen wir eine Gruppe Impalas und einige grosse Elefantenbullen, die sich von den Bäumen die unteren Äste und Blätter holten. Die Tiere waren entspannt – und damit waren es auch wir.
An einem Hippo Pool boten sich schöne Fotomotive. Der Guide erlaubte uns, bis ans Ufer zu gehen, damit wir die Flusspferde auf Augenhöhe fotografieren konnten. Ein etwas mulmiges Gefühl blieb trotzdem. Immerhin zählen Hippos zu den gefährlichsten Tieren Afrikas.

Etwas später entdeckten wir in mehr als 150 Metern Entfernung vier Elefanten. Die Gruppe bestand aus zwei erwachsenen Kühen und zwei unterschiedlich grossen Jungen. Vermutlich die Matriarchin, stellte sich schützend vor die Mutter mit dem Baby-Elefanten.

Angriff aus dem Nichts
Wir machten einige Bilder von der Gruppe. Dann drehten wir um und gingen wieder in Richtung Hippo Pool. Elefanten mit Jungen wollten wir keinesfalls näherkommen.
Aus irgendeinem Grund drehte ich mich nochmals um.
Was ich sah, werde ich nicht vergessen: Die Matriarchin rannte mit hoher Geschwindigkeit direkt auf uns zu.
Kein Trompeten, keine offensichtliche Drohgebärde. Für uns sah es nicht nach einem Scheinangriff aus.
Ich schrie nur noch: «She is charging us!»

Unser Guide schrie so laut er konnte und legte sein Gewehr an. Der Elefant kam unglaublich schnell näher. Was ich in diesem Moment dachte, weiss ich nicht mehr. Vermutlich funktionieren in einer solchen Situation nur noch die Instinkte.
Unser Guide feuerte eine Kugel unmittelbar vor die Füsse des Elefanten und repetierte sofort für einen möglichen zweiten Schuss.
Der Gewehrknall und der aufgewirbelte Staub zeigten glücklicherweise Wirkung. Der Elefant stoppte, drehte ab und rannte zurück.
Das Ganze hatte nur wenige Sekunden gedauert.
Der Elefant wendete etwa zehn Meter vor uns.

Ein neuer Geburtstag
Es dauerte eine Weile, bis wir realisierten, was gerade passiert war.
Wir waren unverletzt. Und auch der Elefant war unverletzt.
Hätten wir ihn einige Sekunden später bemerkt, hätte das Gewehr nicht funktioniert oder die Patrone versagt, könnte ich diese Geschichte möglicherweise nicht mehr aufschreiben.
Wir sind unserem Guide sehr dankbar für seine schnelle und überlegte Reaktion. Sie hat uns vermutlich das Leben gerettet.
Der 29. August 2026 ist für uns deshalb fast so etwas wie ein zweiter Geburtstag.
Die Suche nach dem «Warum?»
In seinen 25 Jahren als Guide in Mana Pools hatte unser Held nach eigener Aussage noch nie einen Schuss abfeuern müssen. Umso mehr beschäftigte uns die Frage, weshalb dieser Elefant plötzlich angegriffen hatte.
Eine mögliche Erklärung erhielten wir kurze Zeit später.
Jeder im Park abgefeuerte Schuss muss bei der Parkverwaltung gemeldet werden. Also fuhren wir zum Park-Office. Als unser Guide zurückkam, erzählte er, die Ranger hätten auf seine Schilderung mit zwei Worten reagiert:
«Game Counting.»

Was ist Game Counting?
Bei einem Game Count werden die Wildtiere in einem bestimmten Gebiet gezählt. Dazu wird der Park in Sektoren eingeteilt und Beobachter sind zu Fuss unterwegs, um möglichst viele Tiere zu erfassen.
Genau an diesem Wochenende fand ein solcher Game Count statt – und ausgerechnet an diesem Samstag waren auch wir auf einer Walking Safari unterwegs.
Nach Einschätzung der Ranger könnten die ungewöhnlich vielen Menschen, die sich zu Fuss im Gebiet bewegten, die Elefanten beunruhigt haben.
Ob der Game Count, unsere Nähe zu der kleinen Gruppe oder eine Kombination verschiedener Faktoren tatsächlich den Angriff ausgelöst haben, lässt sich im Nachhinein nicht mit Sicherheit sagen.
Für uns bleibt vor allem eine Erkenntnis:
Auch ein Elefant, der aus grosser Entfernung vollkommen ruhig wirkt, kann innerhalb weniger Sekunden zu einer unmittelbaren Gefahr werden.



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